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Blinden- und Sehbehindertenverein
für das
Saarland e.V. (BSV-Saar)

wg --- 22.10.2012

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Infos und Tipps für Nicht-Betroffene

"Ich versuchte einmal einem Blinden zu helfen, doch er hat mich nur angeschnauzt. Das passiert mir kein zweites Mal."
Wie kann es zu einem solchen Zitat kommen?
Die nachfolgenden Infos und Tipps erklären und helfen Missverständnisse zu vermeiden, denn in bestimmten Belangen sind auch Normalsehende auf Hilfe angewiesen, um zu einem für alle Beteiligten gelungenen sozialen Miteinander beizutragen. Einfühlungsvermögen und eine respektvolle Haltung gegenüber der Eigenständgkeit und Würde des Behinderten lassen sich nicht von heute auf morgen verinnerlichen, die Lektüre dieses Ratgebers wirkt aber vielen Unsicherheiten und Vorurteilen seitens der "Sehenden" entgegen.

Der ins Webformat übertragene Text basiert auf einer Broschüre des DBSV, die Sie auch von den Seiten des DBSV als PDF- oder RTF-Datei herunterladen können.

Nicht so - sondern so
Ein kleiner Ratgeber für den Umgang mit blinden Menschen

Text: Herman van Dyck
Herausgegeben vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e. V.

Gliederung

1. Vorwort

"Man sieht nur mit dem Herzen gut,
das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

(A. de Saint Exupéry)

Sie haben in Ihrer Familie keinen erblindeten oder schwer sehbehinderten Menschen, kennen auch keinen im Kreise Ihrer Freunde oder Bekannten? Umso besser; aber lesen Sie trotzdem diesen kleinen Ratgeber, denn vielleicht schon morgen, in einem Monat oder später können Sie einem Mann oder einer Frau mit dem weißen Stock auf der Straße, bei einer Veranstaltung oder in einer Gaststätte begegnen.

Vielleicht möchten Sie gerne helfen, wagen es aber nicht, weil Sie nicht recht wissen, wie. Oder vielleicht helfen Sie der blinden Person spontan, aber so ungeschickt, dass Sie mit Ihrer gut gemeinten Hilfe eher das Gegenteil erreichen.

Darum will Ihnen dieser kleine Ratgeber helfen. Ohne jedoch Anspruch auf Vollkommenheit zu erheben, wird er Ihnen Tipps geben, wie Sie jenen auf nützliche, richtige und vor allem menschliche Weise beistehen können, die Ihre Hilfe brauchen.
Ein liebenswürdiger Dienst, im richtigen Augenblick erwiesen, kann für beide Seiten eine bereichernde Erfahrung sein und beglückend wirken. Wenn dieser kleine Ratgeber dazu beitragen kann, hat er seine Aufgaben erfüllt.

Herman van Dyck

2. Auf der Straße und im Verkehr

Beim Überqueren von Straßen

Es sollte eine goldene Regel sein, einen blinden Menschen zu fragen, ob man ihm helfen kann, bevor man etwas für ihn tut. Man respektiert damit seine persönliche Freiheit.

Außerdem hat diese Regel einen praktischen Grund. Um diesen zu illustrieren, hier ein Beispiel: Während ich am Gehsteigrand warte, passiert es mir oft, dass ich beim Arm genommen und auf die andere Straßenseite geschleppt werde, ohne dass ich auch nur die Stimme des unbekannten "Wohltäters" gehört habe. Wenn man erklärt, dass man die Straße nicht zu überqueren wünscht, sondern nur auf die Straßenbahn wartet, kann es geschehen, dass der unbekannte Helfer so überrascht ist, dass er einen mitten auf der Straße stehen lässt und einige vage Entschuldigungen stammelt.
Es bleibt einem dann nichts anderes übrig, als zu versuchen, mit heiler Haut wieder auf den Gehsteig zurückzukommen.

Fragen Sie deshalb: "Darf ich Ihnen beim Überqueren der Straße behilflich sein?" Ist die Antwort bejahend, dann sagen Sie einfach: "Bitte, nehmen Sie meinen Arm und überqueren wir die Fahrbahn gemeinsam." Warnen Sie den von Ihnen geführten blinden Menschen, wenn es beim Gehsteig hinunter- oder hinaufgeht.

Benutzung von Verkehrsmitteln

Am häufigsten wird blinden Menschen Hilfe zuteil, wenn sie in eine Straßenbahn, einen Autobus oder in den Zug steigen wollen.
Es kann auch vorkommen, dass sie im Gedränge von "blinden" Sehenden beim Einsteigen einfach zur Seite geschoben werden. Das kommt jedoch glücklicherweise nur selten vor.

Die gut gemeinte Hilfe wird aber oft so nachdrücklich oder durch so viele zugleich angeboten, dass die blinde Person eher wie ein Sack hinaufgezogen wird, statt ihr die Möglichkeit zu geben, wie jeder andere Fahrgast einzusteigen. Beim Aussteigen ist wieder das Gegenteil der Fall: Der Nichtsehende wird mit Gewalt vorne und hinten festgehalten, sodass er größte Mühe hat, hinunterzusteigen. Selbst bei bester Absicht ist diese Form der Hilfsbereitschaft überflüssig.

Ein alleinreisender blinder Mensch weiß, wie man die Straßenbahn, den Zug oder den Autobus benutzt. Es genügt, dass Sie ihn bis zur Wagentür geleiten und ihm, indem Sie seine Hand darauf legen, die Griffstange zeigen. Die Füße des blinden Menschen sind in Ordnung und er kann daher normal ein- und aussteigen wie jeder andere Fahrgast. Beim Aussteigen zeigen Sie ihm ebenfalls den Handgriff und lassen ihn selbst gewähren.

Wenn Sie zusammen ein- oder aussteigen, geht der Führende immer voran, zeigt den Handgriff oder reicht die eigene Hand, wobei auch angedeutet werden sollte, ob die Stufen hoch oder niedrig sind.

Beim Einsteigen in ein Auto führt man den blinden Menschen vor die geöffnete Wagentür und legt seine Hand zur Orientierung an deren Oberkante, während seine andere Hand zur Orientierung erst das Dach des Autos berührt und dann auf den Sitz greift. Das ist die ganze Hilfe, die er von Ihnen erwartet.

Wie führt man am besten?

Es kann vorkommen, dass Sie mit einem blinden Menschen im selben Verkehrsmittel fahren und bei derselben Haltestelle wie er aussteigen. Oder es fällt Ihnen eine blinde Person auf der Straße auf, die nur langsam vorwärts kommt, weil der Verkehr stark ist, viele Hindernisse auf ihrem Wege sind oder einfach, weil sie diese Gegend nicht gut kennt. Zögern Sie nicht, direkt Ihre Hilfe anzubieten.

Sagen Sie zum Beispiel: "Ich muss zum Bahnhof, soll ich Sie ein Stück mitnehmen?" Im bejahenden Fall bieten Sie der blinden Person Ihren Arm zum Einhängen an und setzen Sie mit ihr Ihren Weg fort.

Seien Sie aber bitte nicht enttäuscht, wenn Ihr liebenswürdiges Angebot abgelehnt wird. Es gibt blinde Menschen, die ihre Unabhängigkeit mehr schätzen als die Hilfe, die ihnen Erleichterung bringen könnte.
Ich weiß nicht, ob diese blinden Personen Recht haben, aber die Wahl steht ihnen auf jeden Fall frei. Meistens aber wird Ihre Hilfsbereitschaft mit Freude und Dank aufgenommen.

Bieten Sie immer Ihren Arm an. Nehmen Sie niemals einen blinden Menschen am Arm, um ihn schiebend fortzubewegen. Damit würde ihm das Gefühl der Sicherheit genommen. Gehen Sie Arm in Arm, erübrigt es sich zu sagen: "Nun gehen wir nach links oder nach rechts." Der blinde Mensch spürt die Bewegung und folgt automatisch. Beim Gehen durch eine Tür oder eine enge Stelle geht der Führende immer voraus. Er hält die blinde Person mit dem Arm, den er ihm gereicht hat, leicht etwas nach hinten, um einen ganz geringen Abstand zu gewinnen.

Gehsteige und Treppen

Beim Hinauf- oder Hinuntersteigen einer Treppe genügt es zu sagen, dass es hinauf- oder hinuntergeht. Wenn Sie öfters ein und dieselbe blinde Person führen, ist es gut, ein vereinbartes Zeichen zu benutzen, z. B. den Arm oder die Hand leicht zu drücken. Es ist nicht nötig, den blinden Menschen anzuhalten, um ihn den Gehsteigrand mit seinem weißen Stock tasten zu lassen.

Gehen Sie mit einem blinden Mitmenschen Treppen hinauf oder hinunter, sagen Sie einfach: "Achtung, Stufe (es geht hinauf oder hinunter)", und dann gehen sie gemeinsam hinauf oder hinunter.

Es ist für blinde Menschen angenehm, sich mit der anderen Hand am Treppengeländer festhalten zu können. Legen Sie ihm diese darauf und sagen Sie: "Das Geländer ist rechts (oder links) von Ihnen." Auf jeden Fall machen Sie ihn auf den Beginn oder das Ende einer Treppe aufmerksam. Wenn Sie die blinde Person nicht weiter begleiten, zeigen Sie ihr das Treppengeländer wie oben erwähnt.

Es ist auf keinen Fall nötig, dass Sie vorher die Stufen abzählen, um dem blinden Menschen deren Anzahl mitzuteilen. In der Eile kann man sich doch leicht irren. Die alleingehende blinde Person nimmt das Ende einer Treppe mit ihrem Stock wahr. Wenn Sie aber die Begleitung übernommen haben, dann verlieren Sie keine Zeit mit dem Zählen der Stufen, sondern machen lieber auf die letzte Stufe aufmerksam.

Besteht die Möglichkeit der Wahl zwischen einer normalen und einer Rolltreppe, so überlassen Sie die Entscheidung immer dem blinden Menschen. Auf jeden Fall muss er immer deutlich darüber informiert sein, wenn es sich um eine Rolltreppe handelt.

Der unwillkommene Schutzengel

Alles, was über blinde Menschen und ihr Streben nach Unabhängigkeit gesagt oder geschrieben wird, führt leicht dazu, dass manche Menschen aus Respekt vor dieser Unabhängigkeit zögern, ihre Hilfe anzubieten. Selbst dann, wenn sie einen blinden Mitmenschen in Schwierigkeiten auf der Straße, am Bahnhof oder anderswo sehen.

Einem Schutzengel gleich heften Sie sich an seine Fersen, um in einem kritischen Augenblick zu verhindern, dass er mit einem auf seinem Wege liegenden oder stehenden Gegenstand plötzlich in Berührung kommt.
Eine gute Absicht, gewiss! Vor allem, weil diese Helfer der Meinung sind, dass die blinde Person nichts davon bemerkt. In vielen Situationen - ganz bestimmt aber, wenn er ausgeht - sind alle Sinne des blinden Menschen hellwach, da er mit ihnen das fehlende Augenlicht ausgleichen muss. Das Gehör spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Bald erkennt der blinde Mensch schnell, dass er einen "Schutzengel" hinter sich hat. Das stört ihn, macht ihn nervös, und die gut gemeinte Hilfe kommt dadurch eigentlich nicht zu ihrer Wirkung. Zögern Sie deshalb nie, Ihre Hilfe liebenswürdig anzubieten. Spielen Sie aber auf keinen Fall die Rolle des "Schutzengels".

3. Allgemeine Winke

Wo ist "da", wo ist "dort"?

Sagen Sie niemals "Dort ist ein Sessel" oder "Auf dem Tisch dort hinten" oder "Dort vorne ist ein Fahrrad an die Mauer gelehnt", indem Sie in die betreffende Richtung weisen. Solche Angaben haben ihren Wert nur für Sehende, jedoch nicht für blinde Mitmenschen.

Sagen Sie lieber: "Vor Ihnen steht ein Sessel", "Ein kleiner Tisch befindet sich einen Meter hinter Ihnen" oder "Ungefähr 10 Meter vor Ihnen links lehnt ein Fahrrad an der Mauer." Bei Tisch können Sie beispielsweise sagen: "Ihr Glas steht links vor Ihnen" und "Ein Aschenbecher steht neben Ihrer rechten Hand." Sie können den fraglichen Gegenstand auch leicht berühren, sodass der blinde Mensch ihn nach dem Klang finden kann. Wenn Sie ihm ein Glas Wasser in die Hand geben, sagen Sie ihm aber auch, wo er es hinstellen kann, z. B.: "Links neben Ihrem Sessel steht ein kleiner Tisch."

Wie man einen Sitzplatz zeigt

Es ist eine weit verbreitete, aber nichtsdestoweniger falsche Meinung, dass man unter allen Umständen einem blinden Menschen so rasch wie möglich einen Sitzplatz anbieten soll. In der Straßenbahn, im Zug oder im Autobus ist dies sicher angebracht, weil die blinde Person im Falle einer Notbremsung nicht immer rasch genug einen entsprechenden Halt finden kann. Dies trifft im Allgemeinen bei älteren Personen, aber ganz besonders bei bejahrten sehgeschädigten Menschen zu.

Wenden Sie auch hier die goldene Regel an: Bieten Sie einen Sitzplatz an, aber überlassen Sie es dem blinden Menschen, davon Gebrauch zu machen.

Aber selbst eine einfache Sache wie das Anweisen eines Sitzplatzes kann oft eine komplizierte Angelegenheit werden. Eine, zwei oder mehrere Personen bemühen sich oft gleichzeitig um die Hilfeleistung. Die blinde Person wird gedreht, geschoben, an einem oder beiden Armen gehalten und schließlich auf einen Sitz gedrückt.

Dabei wäre es so einfach. Sie legen die Hand des blinden Menschen auf die Rückenlehne und sagen: "Hier ist ein Sitz, dies ist seine Rückenlehne", und er wird sofort erfassen, wo der Sitz ist und ohne Schwierigkeiten darauf Platz nehmen. Oder Sie legen die Hand der blinden Person auf die Armlehne des Sitzes und sagen: "Die Sitzgelegenheit ist rechts von Ihnen." Mit einer Tastbewegung wird sie sich rasch mit dem ihr angebotenen Sitz vertraut machen.

Wo ist mein Mantel?

Bei Zusammenkünften, in Zügen oder in der Gaststätte wird dem blinden Menschen oft aus dem Mantel geholfen, sein Hut und sein Gepäck werden ihm mit den Worten abgenommen: "Kommen Sie, ich helfe Ihnen!" Und schon sind Mantel, Hut und Gepäck verschwunden!
Das Wiederfinden ist eine schwierige Sache: Der Besitzer weiß oft nicht, welche Farbe der betreffende Gegenstand hat. Es ist deshalb besser, wenn blinde Personen ihre Sachen selbst ablegen. Wenn Sie blinden Menschen dabei helfen, sagen Sie: "Ihr Mantel hängt am ersten Haken neben der Tür."
Oder in der Bahn: "Ihr Gepäck ist im Netz über Ihnen."

Keine Tabus

Im Gespräch mit einem blinden Menschen wagen es viele Leute nicht, Wörter wie "sehen", "betrachten" oder "blind" zu gebrauchen. Sie sagen dann: "Mein Onkel ist auch...äh, äh...so", oder "Meine Großmutter hatte das auch." Wenn sie irrtümlich doch das Wort "sehen" gebrauchen, kann es geschehen, dass sie die Fassung verlieren, und beginnen, sich zu entschuldigen: "Oh! Entschuldigen Sie... ich hatte nicht daran gedacht" usw.

Und das, während blinde Menschen selbst oft über ihre eigene Behinderung zu Späßen bereit sind. Das Wort "blind" gebrauchen und hören sie wie jedes andere Wort. Das Wort "sehen" oder ähnliche Wörter wenden sie im Gespräch an, um ihre besondere Art von sehen zu erklären: riechen, tasten und berühren. "Ich habe dieses Buch gelesen" (in Blindenschrift oder als Hörbuch). "Ich habe einen hübschen Gegenstand gesehen" (gefühlt, getastet), "Ja, ich habe dieses Theaterstück gesehen" (gehört).

Sie können deshalb ohne jede Hemmung zu einem blinden Menschen sagen: "Wollen Sie sich das ansehen?", während Sie ihm den Gegenstand in die Hände legen, z. B. eine Flasche, ein Kleidungsstück oder etwas anderes. Gebrauchen Sie ohne Scheu das Wort "blind" oder "Blindheit", wenn es sich im Gespräch so ergibt. Aber es zeugt von wenig Taktgefühl, wenn man fragt: "Sind Sie blind?...Völlig blind?..."
Sie sehen also gar nichts:... Oh, das ist schrecklich!...Sie sind so geboren?...Von einer Krankheit oder einem Unfall her?" usw.

Denken Sie auch immer daran, dass blinde Menschen wohl blind, aber nicht taub sind und dass geflüsterte Bemerkungen wie: "Das scheint mir das Schlimmste zu sein, was es geben kann!" oder: "Ich möchte lieber tot als blind sein" wohl gehört werden. Natürlich bleibt es Ihnen überlassen, wie Sie darüber denken, aber blinde Menschen selbst denken ganz anders darüber.

4. Für eine angenehme Begegnung

Keine Rätselspiele

Auf der Straße, im Zug, bei einer Zusammenkunft kann es vorkommen, dass jemand einem blinden Menschen auf die Schulter klopft und sagt: "Guten Tag, Herr XY, wie geht es Ihnen?" oder noch schlimmer: "Raten Sie einmal, wer ich bin?" Im Allgemeinen haben blinde Menschen ein gutes Stimmengedächtnis, aber von ihnen zu erwarten, dass sie eine Stimme wiedererkennen, die sie nicht oft gehört haben, und dies zu einem Zeitpunkt, wo sie sich auf andere Wahrnehmungen konzentrieren müssen, ist zuviel verlangt.

Sind Sie kein Familienangehöriger oder ein guter Bekannter, also jemand, dessen Stimme er sofort erkennen kann, sagen Sie unaufgefordert: "Guten Tag, Herr XY, ich bin Z."

Liegt Ihre letzte Begegnung mit dem blinden Menschen schon längere Zeit zurück oder Ihr Name ist ihm entgangen (man merkt sich leichter Gesichter als einen Namen), geben Sie eine kurze Erklärung, wie: "Sie erinnern sich bestimmt, wir haben uns da und dort schon getroffen."

Es macht natürlich keinen Sinn, blinde Menschen auf dieselbe Weise wie Sehende etwa mit Kopfnicken oder Handbewegung zu begrüßen. Aber auch ein blinder Mensch freut sich, wenn er in alles einbezogen wird und am normalen Leben teilnehmen kann. Das Nicken mit dem Kopf oder die Geste mit der Hand ersetzt man durch einige nette Worte: "Guten Tag, Herr X, ich bin der Briefträger!"

Blinde Menschen sind nicht unmündig

Immer wieder können blinde Menschen in Begleitung folgende Sätze hören: "Gnädige Frau, möchte der Herr etwas trinken?" oder "Junge Frau, kann der Herr selbst unterschreiben?" Oder "Meine Dame, möchte der Herr Platz nehmen?"

Man spricht also mit der Begleitperson, anstatt sich direkt an die blinde Person zu wenden. So kam es, dass eine Frau eines Tages lachend entgegnete: "Fragen Sie meinen Mann ruhig selbst, er ist wirklich nicht gefährlich!"

Sehende Menschen sind so stark an den Kontakt mit den Augen gewöhnt, dass sie sich unsicher fühlen, wenn dieser fehlt, und sich deshalb mit Vorliebe an die Begleitpersonen wenden. Das ist verständlich, jedoch nicht angebracht. Diese Behandlung einer blinden Person kommt einer Bevormundung gleich.

Wenn Sie einem blinden Menschen etwas anbieten wollen, sprechen Sie ihn mit seinem Namen an, falls Sie diesen kennen. Berühren Sie ihn leicht am Arm oder der Schulter, wenn Sie seinen Namen nicht wissen, damit er weiß, dass Sie sich an ihn wenden, zum Beispiel in einer Gruppe. Vergessen Sie nicht, die verschiedenen Auswahlmöglichkeiten aufzuzählen, wenn es solche gibt, z.B.: "Herr X, möchten Sie ein Getränk, eine Mehlspeise oder sonst etwas?"

Dann legen Sie das von ihm Ausgewählte so neben ihn, dass es für ihn leicht erreichbar ist, oder geben Sie es ihm in die Hand. Halten Sie ihm aber nicht ein Tablett mit Gläsern hin, da er dies nicht sehen kann und das Risiko groß ist, dass er beim Abheben seines Glases ein anderes umstößt.

Beim Weggehen

Vielleicht haben Sie schon einmal zu jemandem gesprochen, der gerade nicht mehr anwesend war. Vermutlich haben Sie sich mit einem Lächeln über Ihre Zerstreutheit hinweggeholfen. Anders ist es natürlich bei einem blinden Menschen.

Bei Straßenlärm, in einem teppichbelegten Zimmer, wo gar noch musiziert wird, in einem geräuscherfüllten Lokal oder bei einer größeren Gruppe sprechender Menschen usw. ist es für blinde Menschen unmöglich zu wissen, ob ihr Gesprächspartner noch da ist. Es kann also vorkommen, dass eine blinde Person mit einem leeren Stuhl spricht. Ein angenehmes Gefühl ist es nicht, wenn sie dies nach einiger Zeit bemerkt.

Geben Sie Ihrem blinden Partner immer zu verstehen, wann Sie ihn verlassen und machen Sie sich auch bemerkbar, wenn Sie zurückkommen. Wenn Sie das unterlassen, kann es vorkommen, dass Ihr Partner stillschweigend dasitzt, in der Annahme, dass Sie noch nicht zurück sind.

Vergegenwärtigen Sie sich auch immer, dass eine blinde Person eine gesprochene Antwort erwartet; ein noch so nettes Lächeln, ein Kopfnicken nützen ihr nichts.

Wann und wie man etwas beschreibt

Viele Leute glauben, wenn sie einen blinden Menschen begleiten, dauernd reden zu müssen. Sie denken: "Spreche ich nicht, weiß er nicht, ob ich noch da bin" oder "Er hat sonst nichts, womit er sich beschäftigen könnte." Auch, wenn Sie es gut meinen, kann überflüssig Gesprochenes ungünstig wirken. Wie bei allen Gesprächen darf man auch hier ruhig eine Schweigepause einschalten. Außerdem rechnet ein blinder Mensch damit, dass Sie ihn nicht verlassen, ohne ihn darauf aufmerksam gemacht zu haben.

Über die Umgebung, die der blinde Mensch nicht wahrnehmen kann, ist er oft besser im Bilde als Sie annehmen. Denn mit den ihm gegebenen Wahrnehmungsmöglichkeiten vermag er sich von der Umwelt eine gute Vorstellung zu machen. Ob der blinde Mensch von Personen, der Umgebung oder Gegenständen eine Beschreibung in allen Einzelheiten oder nur eine oberflächliche wünscht, werden Sie selbst rasch genug bemerken.

Demgegenüber ist es gut, dass Sie blinden Menschen spontan auf besondere oder ungewöhnliche Dinge aufmerksam machen, zum Beispiel: "Die Rolltreppe ist heute außer Betrieb", selbst wenn Sie diese Treppe im Moment nicht benötigen. Oder: "An dieser Ecke ist ein neues Kleidergeschäft." Solche Informationen können der blinden Person noch einen guten Dienst erweisen.

Beim Einkaufen

Wenn Sie einem blinden Menschen helfen, ein Geschäft zu betreten, begleiten Sie ihn bis zu einem Verkäufer oder einer Verkäuferin; man wird ihn gerne weiter gut betreuen. Haben Sie aber etwas mehr Zeit, begleiten Sie ihn bis zu der von ihm gewünschten Abteilung.

Weiß der blinde Mensch genau, was er haben möchte, wird er den Gegenstand unverzüglich einkaufen. Möchte er aber zuerst sehen, was es gibt, legen Sie ihm die verschiedenen Gegenstände vor, damit er sie befühlen kann. Er wird, um seine Wahl zu treffen, sich auf diese Weise ein gutes Bild von der Form, der Größe und der Qualität machen können.

Beschreiben Sie die Farbe, das Muster usw. Zögern Sie nicht, ihm zum Beispiel zu sagen: "Darf ich Ihnen sagen, dass Ihnen diese Farbe wirklich nicht steht."

Nennt die blinde Person beim Bezahlen den Wert der Banknote nicht, die sie Ihnen übergibt, dann sagen Sie selbst: "Es sind 100 Euro, die Sie mir gegeben haben." Gewöhnlich wissen blinde Menschen sehr genau, welche Banknote sie geben, aber ein Irrtum ist nicht ganz ausgeschlossen, und man soll Unliebsamkeiten möglichst vermeiden. Es ist auch empfehlenswert, beim Zahlen oder Geldwechseln das Geld in die Hand der blinden Menschen zu zählen, womit ihnen das Zusammensuchen, vor allem des Kleingeldes, erspart wird.

Das WC

Ja, Sie haben richtig gelesen, auch blinde Menschen müssen manchmal ein WC aufsuchen. Wenn ein blinder Mensch Sie dabei um Ihre Hilfe bittet, sollten Sie keine Hemmungen haben und immer daran denken, wie peinlich ihm das selbst sein muss.

Sind Sie vom gleichen Geschlecht wie die blinde Person und Sie befinden sich in einem öffentlichen Ort, können Sie zusammen eintreten oder auch die Hilfe des Personals erbitten. Ist ein Pissoir vorhanden und ein geschlossenes WC, dann überlassen Sie der blinden Person die Wahl der Benutzung. Wählt sie das Pissoir, geben Sie ihr eine knappe Beschreibung von der Art seiner Beschaffenheit.

Vor dem Benutzen des WCs kontrollieren Sie, ob es sauber ist. Zeigen Sie, wo sich Papier und Spülung befinden. Haben Sie Zeit, draußen auf die blinde Person zu warten, zeigen Sie ihr auch das Waschbecken, die Seife, das Handtuch oder den Handtrockner. Gegebenenfalls zögern Sie nicht, ihr zu sagen: "Das Handtuch ist sehr schmutzig. Es wäre besser, das eigene Taschentuch zu benutzen."

Gehen Sie aber immer so taktvoll vor, wie Sie selbst gerne behandelt werden möchten, und bleiben Sie nicht in allernächster Nähe stehen. Das alles sollte eigentlich selbstverständlich sein, wird aber nicht immer so gehandhabt.

Ist der blinde Mensch vom anderen Geschlecht, erbitten Sie die Hilfe des Personals oder eines anderen Anwesenden gleichen Geschlechts. Ist keine entsprechende Hilfe da, handeln Sie selbst im Sinne der obigen Hinweise.

5. Bei längerem Kontakt

Das Vorlesen

Obwohl es bereits Lese-Sprech-Geräte gibt, die blinden Menschen Gedrucktes vorlesen, sind sie in vielen Situationen darauf angewiesen, dass ihnen weiterhin vorgelesen wird. Die selbständige Lektüre mittels der Punktschrift oder des Tonbandes, so verbreitet sie auch schon ist, kann das Problem nur zum Teil lösen.

Sehr unangenehm wirkt sich die Abhängigkeit vom Vorlesenden aus, wenn es sich um persönliche Briefe, amtliche Schriftstücke oder finanzielle Unterlagen handelt. Beim Vorlesen solcher Schreiben sind Genauigkeit und absolute Verschwiegenheit unerlässlich. Lesen Sie langsam und deutlich.

Schauen Sie zuerst, ob sich auf dem Umschlag ein Hinweis auf den Absender befindet. Unter Umständen könnte sich die blinde Person veranlasst fühlen, den Brief durch jemand anderen vorlesen zu lassen.

Öffnen Sie aber nie einen Brief ohne ausdrückliche Erlaubnis des blinden Menschen. Handelt es sich um eine finanzielle Angelegenheit, ohne dass dies vom Umschlag her ersichtlich ist, sagen Sie dies, bevor Sie zu lesen beginnen. Bei einem persönlichen Brief nennen Sie zuerst den Namen des Schreibers. Der blinde Mensch kann dann entscheiden, ob er sich dieses Schreiben von Ihnen vorlesen lassen möchte.

Lesen Sie aber niemals einen Brief für sich allein, um nachher zu sagen: "Der ist von dem oder der, die das oder jenes schreibt" oder "Das ist nur Reklame", ohne zu sagen, um welche Werbung es sich handelt.

Eigene Kommentare oder Zwischenbemerkungen mit Bezug auf den Inhalt oder den Absender sollten Sie lieber unterlassen, außer Sie werden darum gebeten. Denken Sie immer daran, dass Sie nur stellvertretend für den blinden oder hochgradig sehbehinderten Menschen lesen.

Beim Vorlesen im Allgemeinen, aber ganz besonders, wenn es sich um Zeitungen und Zeitschriften handelt, gilt, dass es nicht wesentlich ist, was Ihnen selbst als interessant, wichtig und amüsant erscheint. Lesen Sie einfach alle Überschriften, und Ihr blinder Freund wird Ihnen sicher sagen, was er gerne hören möchte. Unterbrechen Sie Ihre Lektüre nicht durch Ausrufe oder Kommentare, das ist sehr störend.

Ordnung und Pünktlichkeit

Dies sind zwei Tugenden, die möglicherweise nicht mehr sehr verbreitet, aber für blinde Menschen doch von großer Bedeutung sind. Es gibt eine Grundregel, die man beachten muss, will man die Unabhängigkeit der blinden Mitmenschen respektieren: Jedes Ding hat seinen bestimmten Platz und muss dort jederzeit gefunden werden können. Legen Sie also alles dorthin zurück, von wo Sie es weggenommen haben. Fragen Sie die blinde Person oder lassen von dieser selbst den Gegenstand an seinen Platz zurücklegen. Das ist von großer Wichtigkeit, vor allem für blinde Menschen, die allein wohnen, reisen oder berufstätig sind.

Achten Sie darauf, dass Haus- und Zimmertüren entweder ganz offen oder geschlossen sind. Halbgeschlossene Türen können für blinde Menschen zu einem gefährlichen Hindernis werden. Schranktüren müssen immer ganz geschlossen sein.

Lassen Sie keine Kübel, Besen, Mülleimer usw. in der Umgebung herumstehen, wo blinde Personen regelmäßig vorbeikommen.

Pünktlichkeit hat ihre große Bedeutung bei Verabredungen und Besuchen. Minuten können endlos werden, wenn man nicht sieht und man sich während des Wartens mit nichts beschäftigen kann. Das verursacht unnötig Nervosität und Spannung.

6. Schlußwort

Wir sind am Ende unseres kleinen Ratgebers angelangt, der für sich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben möchte. Wenn Sie sich bei der nächsten Begegnung mit jemandem "aus der Welt der Blinden" etwas weniger verlegen oder unsicher fühlen, hat er seinen Zweck erfüllt. Übrigens gibt es diese Welt der blinden Menschen gar nicht. Blinde und sehende Menschen leben in einer Welt, auch wenn sie diese eine Welt auf Grund der ihnen jeweils gegebenen Mittel und Möglichkeiten vielleicht anders erleben.

Ein letztes Wort...
Man hört ab und zu: "Ich versuchte einmal einem Blinden zu helfen, doch er hat mich nur angeschnauzt. Das passiert mir kein zweites Mal." So etwas kann wirklich einmal geschehen. Blinde sind schließlich Menschen wie alle anderen, ausgestattet mit guten Eigenschaften, aber auch mit Fehlern. Und - Hand aufs Herz - sind Sie noch nie von einem Sehenden, an den Sie sich freundlich wandten, grob oder taktlos behandelt worden? Die Dankbarkeit, mit der die meisten blinden Menschen Ihre Hilfe in Anspruch nehmen, wird Sie diese eine schlechte Erfahrung wieder vergessen lassen.

Herman Van Dyck

Der Verfasser dieser Broschüre ist selbst blind. Er zeigt, dass Kontakte mit blinden Menschen sehr einfach sein können, wenn gewisse Grundregeln beachtet werden.
Er war Präsident und Gründer des Nationalen Verbandes der Kriegsblinden Belgiens und Vertreter sämtlicher belgischer Blinden in zwei Regierungskommissionen für Behindertenfragen. Hermann van Dyck, der durch die Erarbeitung dieser Broschüre zur sozialen Integration der Blinden beigetragen hat, erhielt 1974 vom Niederländischen Blindenverband den W. A.-Jakobs-Preis.

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