Stockmännchen

Blinden- und Sehbehindertenverein
für das
Saarland e.V. (BSV-Saar)

wh --- 15.03.2013

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Infothek - Die Brailleschrift

1. 6 Richtige: Der Hauptgewinn meines Lebens

2. "Dein Name in Blindenschrift"

3. Beliebt, unbeliebt, beliebig - 6- oder 8-Punkt-Braille? (offener Brief)

 

1. 6 Richtige: Der Hauptgewinn meines Lebens

Hier sitze ich nun im ICE von Hamburg nach Basel, auf meinem Schoß ein Gerät, in dessen Speicher ich diesen Text schreibe. Nein, kein Laptop oder "reguläres" Notebook - da wären ja die Akkus leer, bevor ich in Kassel ankomme. Es ist ein spezielles Gerät für Blinde, in das ich den Text in Brailleschrift eingeben und über ein Brailledisplay lesen kann. Ich brauche keinen Kopfhörer im Ohr, weil ich die Sprache ja nicht höre, sondern wirklich lese. Dadurch entgeht mir nicht, wie die zwei jungen Damen mir gegenüber darüber spekulieren, wie dieses Gerät und unsere Schrift wohl funktioniert. Am besten, ich schalte mich jetzt in die Unterhaltung ein und erkläre es ihnen.

Im Jahre 1809 wurde in Couvray bei Paris Louis Braille geboren. Als er 4 Jahre alt war, spielte er in der Werkstatt seines Vaters, eines Sattlers, mit einem Werkzeug, das er sich ins Auge rammte. Dadurch wurde er blind. Zum Glück wohnte er in der Nähe von Paris und konnte das dortige Blindeninstitut besuchen. Hier kam er mit einem Schriftsystem in Berührung, an dessen Entwicklung der französche Artilleriehauptmann Charles Barbier seit 1815 arbeitete.
Es bestand aus 11 Punkten und sollte für Soldaten die Nachrichtenübermittlung auch im Dunkeln ermöglichen. Louis erkannte, dass man mit dieser Schrift Sinnvolleres tun könnte, dass es dafür aber notwendig wäre, sie zu vereinfachen und zu verbessern. Er reduzierte die 11 auf 6 Punkte, die in zwei senkrechten Reihen zu je 3 Punkten nebeneinander angeordnet sind. Man stelle sich einen Eierkarton mit 6 Eiern vor. Die Eier (oder Punkte) können wir nun nummerieren. Links oben ist Punkt 1, darunter Punkt 2, darunter Punkt 3. Rechts oben ist Punkt 4, darunter 5 und unten rechts ist Punkt 6. Die Buchstaben der Blindenschrift bestehen nun aus Kombination dieser Punkte: Steht Punkt 1 alleine, haben wir ein "a", Punkt 1 + 2 ergeben ein "b", Punkt 1 + 4 ein "c" usw.

Das Braille-Alphabet

Abbildung des Braille-Alphabets

Louis entwickelte für seine Schrift auch ein Schreibgerät, bei dem man schreiben kann, indem man die Buchstaben Punkt für Punkt in ein Papier sticht. Man braucht dazu eine Art Schablone, die wir als Tafel bezeichnen.

Inzwischen gibt es auch andere Geräte, mit denen man Punktschrift schreiben oder drucken kann. Bei der Punktschriftmaschine ist jedem Punkt eine Taste zugeordnet. Beim Schreiben eines Buchstabens drückt man einfach die Tasten gleichzeitig, die man zur Erzeugung dieses Zeichens braucht. Mit der Punktschriftmaschine kann man deshalb schneller schreiben als mit der Tafel, aber dafür ist sie nicht so bequem zu transportieren. Tafeln gibt es in allen Größen, von DIN A4 (oder vergleichbaren Formaten in anderen Ländern) bis hin zur einzeiligen Tafel, die man zur Beschriftung von Prägeband nutzen kann.
Ich trage zum Beispiel immer eine 4-zeilige Tafel mit mir, die bequem in die Hemdentasche passt. Der Vorteil der Tafel gegenüber einem elektronischen Notizgerät ist nämlich, dass man eine Information, die man schreibt, auch ohne das Hilfsmittel lesen kann, auf dem man sie geschrieben hat. Die Tafel ist sozusagen der Kugelschreiber der Blinden. Meine Tafel hat auch Schlitze, durch die man Prägeband in den Breiten 9 und 13 mm führen und dieses dann bedrucken kann. Das schmalere Prägeband passt genau auf den Rücken von CDs, die ich mir auf diese Weise beschrifte. Mit dem breiteren kennzeichne ich Gewürzdöschen, verschiedene Flaschen, Kassetten, Disketten, Netzgeräte (damit ich nicht den Überblick darüber verliere, welches Netzteil zu welchem Gerät gehört), Ordner u. v. m. Etiketten kann man sich auch aus anderer Klebefolie oder einfach Papierzetteln herstellen, die man mit Gummiband befestigt.

Schreiben mit der Brailletafel

Bild: Schreiben mit der Brailletafel

Ich bin dienstlich und ehrenamtlich sehr viel unterwegs und muss oft in großen Hotels übernachten. Nicht alle Hotels haben Zimmernummern, die man ertasten kann. Mit meiner Tafel und Prägeband ist das kein Problem für mich: Ich schreibe mir mein Nummernschild selbst und klebe es - ja, wohin am besten? An der Tür selbst wird es oft von übereifrigem Reinigungspersonal entdeckt und entfernt. - Also klebe ich es auf die Unterseite der Türklinke. Dort ist es leicht zu finden, und kein "Unbefugter" hat es bisher vorzeitig entfernt.

Aber jetzt habe ich weit vorgegriffen. Kommen wir zurück zur Entwicklung unserer Schrift.

Als Louis Braille sie erfand, war er gerade 16 Jahre alt. Das war im Jahr 1825, vor 175 Jahren. Bei seinen Schulkameraden kam diese Schrift gleich sehr gut an: Endlich konnten sie sich gegenseitig (Liebes-)Briefchen schreiben, und keine Lehrer konnte ihnen auf die Schliche kommen. Diese lehnten die neue Schrift nämlich ab, weil sie so wenig Ähnlichkeit mit der der Sehenden hatte. Man versuchte lieber, tastbare Buchstaben der Druckschrift herzustellen, was mühsam zu lesen und noch mühsamer zu schreiben war. Der französische blinde Philosoph Pierre Villey hat deutlich gesagt, worin der logische Fehler solcher Reliefschriften liegt: "Sie sprechen zu den Fingern in der Sprache der Augen." Wie mühsam es gewesen sein muss, diese Erkenntnis und mit ihr die sinnvolle Alternative, die Braille'sche Blindenschrift, durchzusetzen, mögen folgende Fakten beweisen:

Die Entwicklung der Brailleschrift, mit deren Hilfe blinde Menschen erstmals die Möglichkeit hatten, sich auch schriftlich auszudrücken, war die größte Revolution in der Entwicklung des Blindenwesens. Gab es früher nur vereinzelte blinde Menschen, die ein durchschnittliches oder höheres Bildungsniveau erreichten, so wurde dies plötzlich allen möglich. War aber eine umfassende Bildung hat und seine Interessen selbst ausdrücken kann, der sieht nicht mehr ein, warum immer andere über sein eigenes Geschick das Sagen haben sollen. Die Geburtsstunde der Blindenselbsthilfebewegung hatte geschlagen. 1874, als die Brailleschrift noch nicht ganz 50 Jahre alt war, wurde in Berlin der erste Blindenverein gegründet, und in vielen anderen deutschen Ländern folgte man diesem Beispiel.

Auch außerhalb des eigentlichen Blindenwesens wurde der Nutzen dieser Schrift erkannt. So entstanden in allen Ländern Brailleschriftdruckereien und -bibliotheken. Da nicht jeder eine solche Bücherei in seiner Nähe hat, können die Bücher per Fernleihe ausgeborgt werden. Voraussetzung dafür, dass dieses System funktioniert ist eine Regelung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Kraft trat und inzwischen weltweit gilt: Brailleschrift braucht mehr Platz als reguläre Druckschrift. Punktschriftbücher haben häufig das Format 27 x 34 cm und, was ihre Dicke anbetrifft, wäre ein Telefonbuch eher ein dünneres Werk. Die Portokosten, die unsere Verlage und Büchereien, aber auch wir selbst, bezahlen müssten, wären also enorm. Punktschriftsendungen dürfen deshalb bis zu einem Gewicht von 4 kg(???) portofrei verschickt werden. Politiker, für die das Prinzip "sparen" über das Prinzip "Vernunft" geht, haben bereits mit dem Gedanken gespielt, diese Regelung abzuschaffen. Die Folgen kann sich jeder denkende Mensch selbst ausmalen. Einen solchen Rückschritt darf es nie geben.

Die Brailleschrift ist für Menschen wie mich, die wir sie täglich in unterschiedlichsten Situationen nutzen, nichts Zweitrangiges. Deshalb kämen wir nie auf die Idee, dass sie durch etwas anderes ersetzt werden könnte. Es gibt aber immer wieder Menschen, die das anders sehen. Als der Phonograph erfunden und zum Tonbandgerät und Kassettenrekorder weiter entwickelt wurde, gab es viele, die behaupteten, das sei jetzt das Ende der Brailleschrift. Sie sei nun überflüssig. Wie unsinnig eine solche Vorstellung ist, kann jeder leicht selbst testen. Er braucht nur eine Adressenkartei mit 100 Einträgen auf Kassette zu lesen und dann zu versuchen, schnell eine bestimmte Anschrift zu finden. Derjenige, der die Karteikarten in schriftlicher Form vorliegen hat, wird die gesuchte Information schneller und bequemer haben. Hinzu kommt, dass man sich Dinge, die man selbst liest, viel besser merken kann als solche, die man sich vorlesen lässt. Das wird jeder geübte Leser selbst bestätigen können. Im Übrigen: All diese segensreiche Erfindungen stehen auch sehenden Menschen zur Verfügung; wieso kommt keiner auf die Idee, dass solche Geräte das Ende der Schrift überhaupt bedeuten könnten?

Man kommt heute kaum umhin, von Computern zu sprechen, wenn es ums Lesen und Schreiben geht. Auch hier gab es wieder die Unkenrufe über das Ende der Brailleschrift. Und auch hier hat sich wieder gezeigt, dass das Gegenteil der Fall war: Die Produktion von Materialien in Brailleschrift wurde durch die Möglichkeiten, die der PC bietet, wesentlich erleichtert. Dem Brailleschriftleser steht jetzt ein größeres Informationsangebot in seiner Schrift zur Verfügung als je zuvor. Punktschriftdrucker sind inzwischen so erschwinglich geworden, dass sich auch Privatpersonen ein solches Gerät leisten können. Aber auch wer keinen Punktschriftdrucker besitzt, und das sind noch immer die meisten von uns, braucht am Computer nicht auf Brailleschrift zu verzichten: Es gibt Brailledisplays (auch als Braillezeile bezeichnet), bei denen mit Hilfe piezoelektrischer Bieger Stifte entsprechend den Buchstaben der Brailleschrift hochgedrückt werden. Der Bildschirm kann dadurch zeilenweise ausgelesen werden.
Solche Geräte sind leider noch sehr teuer: Eine 40-stellige Zeile kosten um die DM 10.000,00. Gerade wenn es darum geht, Texte zu lesen, die tabellarisch angeordnet sind (z. B. Rechnungen, Kontoauszüge udgl.), hilft eine reine Computersprachausgabe, die alles flüssig am Stück vorliest, kaum weiter. Wenn endlich eine Technik gefunden wird, die die Herstellung preiswerter Braillezeilen ermöglicht, kann man statt einer Zeile vielleicht eine ganze "Braille-Seite" an den Computer anschließen. Welch herrliche Zeiten kommen dann erst auf uns zu!

Die EL 80 von Papenmeier

Bild der EL 80 von Papenmeier

In den deutschsprachigen Ländern gibt es in den letzten Jahren eine Diskussion um das Für und Wider der Rechtschreibreform. Viele hatten gehofft, die neuen Rechtschreibregeln würden endlich dazu führen, dass auch bei uns die Großschreibung so gehandhabt würde wie in vielen anderen Ländern: Eigennamen und Satzanfänge groß, der Rest klein. Befürworter unserer Großschreibregeln halten dem entgegen, Texte würden dadurch oft an Eindeutigkeit verlieren. Eine 6-Punkte-Zelle, wie wir sie in der Brailleschrift haben, ermöglicht 63 Punktekombinationen. Louis Braille musste also sparsam mit seinen Punkten umgehen. Das hat er unter anderem dadurch erreicht, dass er darauf verzichtet hat, eigene Zeichen für Großbuchstaben zu definieren. Wir praktizieren also in der Blindenschrift seit weit über 100 Jahren die absolute Kleinschreibung und haben keine Probleme damit. Natürlich können wir die Großschreibung darstellen: Wir verwenden Hilfszeichen, die z. B. besagen, dass der nächste Buchstabe im Originaltext groß geschrieben wurde. Ähnlich verhält es sich mit Zahlen. Für die Zahlen 1 - 0 verwenden wir die Buchstaben "a" bis "j". Vor die erste Ziffer setzen wir das sogenannte "Zahlenzeichen", das uns anzeigt, dass jetzt nicht eine Buchstaben- sondern eine Zahlenfolge kommt.

Als nun der PC Einzug in unser Leben hielt, standen wir plötzlich vor der Notwendigkeit, für eine 80-stellige Bildschirmzeile nur eine 80-stellige Braillezeile zur Verfügung zu haben. Hinzu kam, dass es Zeichen gab, an die Louis Braille nicht einmal im Traum gedacht hat, z. B. der Backslash oder der Klammeraffe. Man musste sich also etwas einfallen lassen, und das war der 8-Punkte-Computer-Code. Eine 8-Punkte-Schrift hatte es schon vorher gegeben: Sie sollte es blinden Stenotypisten ermöglichen, noch schneller bei Debatten mitzuschreiben, als sie dies mit der Stenografieschrift ohnehin konnten.

Beiden 8-Punkte-Systemen sind 2 Dinge gemeinsam: Sie bauen auf der Brailleschrift auf, wobei die zusätzlichen Punkte unter Punkt 3 und 6 gesetzt wurden. Und sie sind eine Hilfsschrift. Leider gibt es inzwischen Blindenlehrer/innen, die aus der Not eine Tugend machen wollen, indem sie diese Hilfsschrift zu dem Schriftsystem machen, das sie blinden Kindern als Erstes beibringen wollen. Es ist ja so praktisch, wenn blinde Kinder dann die gleichen Lehrbücher benutzen können wie sehende Erstklässler. Wir von der Blindenselbsthilfe sehen das ganz anders: So wie es unsinnig war, den Fingern der blinden Menschen eine Schrift aufzuzwingen, die "die Sprache der Augen" spricht, ist es auch verhängnisvoll, blinde Schüler mit Lehrbüchern zu unterrichten, die für die Bedürfnisse der Augen und nicht für die der tastenden Finger entwickelt wurden.
Die Schrift, die ein Mensch als erste und wichtigste lernt, muss die sein, die in der Literatur vorkommt, und nicht die, die wir auf dem Computerdisplay lesen. Die "Experten" lassen sich durch unsere Argumente aber nicht beeindrucken. Schließlich wissen sie - davon scheinen sie überzeugt zu sein - ja besser als wir Betroffene, was wirklich gut für uns ist. Diese selbstherrliche Arroganz ist also nach 175 Jahren Brailleschrift noch immer nicht ausgemerzt.

Inzwischen besteht die Notwendigkeit der 1 : 1 Darstellung der Bildschirmzeile nicht mehr. Auf Initiative des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes läuft ein Forschungsprojekt an, als dessen Ergebnis es möglich sein wird, auf einer Braillezeile alle erforderlichen Zeichen im altbewährten 6-Punkte-System darzustellen.

Vieles hätte ich den Damen im Zug noch erzählen können: Von der Blinden-Notenschrift, die ebenfalls von Louis Braille entwickelt und inzwischen gemäß seiner Grundlage aktualisiert wurde (und von den "Experten", die gerade wieder behaupten, etwas Besseres entwickelt zu haben, obwohl ihr System von blinden Musikern einhellig abgelehnt wird); von der Kurzschrift, bei der Silben und ganze Wörter gekürzt werden, und die in vielen Ländern, darunter auch die deutschsprachigen, die gebräuchliche Schriftform ist; von Speisekarten in Punktschrift, die immer häufiger zu finden sind; von den Zeitschriften, die es in Punktschrift gibt, und die ich im Zug lese, wenn ich nicht gerade einen Artikel für die Gegenwart schreiben muss; von der Brailleschrift auf den Eintrittskarten zur Expo u. v. m. Aber sie wollten ja auch noch andere Dinge wissen: Was ich beruflich mache, und wie ich die verschiedenen Verrichtungen des Alltags, die sie sich nicht ohne Sehvermögen vorstellen können, erledige. Und natürlich redet man noch über andere Dinge, nicht nur die Blindheit.

Eines steht jedenfalls fest: Ohne Brailleschrift hätte ich nicht die Qualifikation erworben, die ich als pädagogischer Leiter des Deutschen Blindenbildungswerkes brauche - ja ohne die Möglichkeit, die eine eigene Schrift blinden Menschen bietet, gäbe es wahrscheinlich kein Blindenbildungswerk; ohne lesen zu können, hätte ich es nicht geschafft, Fremdsprachen zu erlernen und wäre wohl kaum Generalsekretär der Europäischen Blindenunion geworden, die es wohl auch nicht gäbe, wenn blinde Menschen sich nie selbständig in schriftlicher Form hätten ausdrücken können.

Ein Sechser im Lotto verändert sicher das Leben des Glücklichen, der den Treffer gelandet hat. Die 6 Richtigen, die uns Louis Braille beschert hat, ermöglichen uns aber überhaupt erst ein Leben in Würde und Selbstbestimmung, und die Chancen, mit diesem Sechser den Hauptgewinn zu erzielen, liegen nicht bei 1 : 14 Millionen. Fast jeder blinde Mensch - auch derjenige, der erst im Alter erblindet, kann sie noch erlernen.

Louis Braille war ein Genie! Und auf dieses Genie werde ich jetzt, da ich nicht mehr im Zug sitze, ein Gläschen trinken. Natürlich aus einer Flasche mit Brailleschrift-Etikett!

Norbert Müller


2. "Dein Name in Blindenschrift" und Braille-Download

Mit Hilfe des Schriftkonverters auf den Internetseiten des BSV kann jeder einmal ausprobieren, wie sein eigener Name oder irgend ein anderes Wort in Blindenschrift aussieht und sich das Ergebnis auf Wunsch ausdrucken lassen.

Für Sehende, die sich eingehender mit der Blindenschrift befassen möchten, bietet die Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista) den kostenlosen Download eines ttf-Schriftsatzes für Windows in Form eines zip-Archivs (95 KB) an. Der „Braille-Schriftsatz blista Marburg“ besteht aus 2 Schriftschnitten mit und ohne Hilfspunkte.
Zur Downloadseite: http://www.blista.de/download/#druckerei
Bitte beachten Sie: Dieser kostenlose True-Type-Zeichensatz dient nur zur Visualisierung. Es handelt sich nicht um ein Übersetzungsprogramm. Eine regelkonforme Blindenschriftumsetzung ist damit nicht gewährleistet. Er berücksichtigt keine Punktschriftregeln und entspricht nicht der DIN 32976!

3. Beliebt, unbeliebt, beliebig - 6- oder 8-Punkt-Braille?(offener Brief)

Das Brailleschriftkomitee der deutschsprachigen Länder hat sich auf seiner Sitzung am 27. September 2001 in Leipzig eingehend mit dem Beschluss des Arbeitskreises der Leiterinnen und Leiter der Bildungseinrichtungen für Blinde und Sehbehinderte (in Deutschland) vom 18. Mai 2001, in allen Blindenbildungseinrichtungen in Deutschland spätestens ab Sommer 2003 den Schrifterwerbsunterricht von 6- auf 8-Punkt-Braille umzustellen, beschäftigt. Das Brailleschriftkomitee ist ein siebenköpfiger gewählter Ausschuss de r Brailleschriftkommission der deutschsprachigen Länder, dessen Aufgabe darin besteht, als Braille-Autorität im deutschsprachigen Bereich für die Einhaltung der in den Systematiken zur Blindenschrift festgelegten Regeln zu sorgen, in umstrittenen Darstellungsfällen rasch eine Regelung herbeizuführen sowie auf neuere Tendenzen auf dem Gebiet des Einsatzes und der Vermittlung von Punktschrift zu reagieren. Im Brailleschriftkomitee vertreten sind:

Nach intensiver Diskussion entschied das Brailleschriftkomitee einstimmig, den o.g. Beschluss aus folgenden Überlegungen heraus abzulehnen:

1. Die Eurobraillezuordnungstabelle als "Erweiterung des 6-Punkte-Systems von Louis Braille" zu verstehen, ist historisch und sachlich falsch. Beim 8-Punkt-Eurobraille haben wir es vielmehr mit einem Spezialpunktschriftsystem zu tun, das unter der Zielvorgabe der Schaffung einer 1:1-Zeichenzuordnung gegen Ende des vorigen Jahrhunderts als Schrift zur Schreibkontrolle für Blinde am Computer entwickelt wurde. Im Unterschied zu allen Punktschriftsystemen (nicht nur des deutschsprachigen Raums), deren Regelsyst em sich stets vom Ziel der Optimierung des Leseflusses leiten ließ und lässt, ist diese Zielbestimmung für das Eurobraillesystem keineswegs kennzeichnend und als Vorgabe zur Ausarbeitung der Zuordnungstabellen nie formuliert worden.

2. Eine "Erweiterung" des 6-Punkt-Systems von Louis Braille stellt Eurobraille allein schon deshalb nicht dar, weil es die Kernidee des Blindenschrifterfinders, nämlich die Anzahl zulässiger Punkte genau auf 6 zu beschränken, missachtet.

3. Aus der Zielvorgabe zur Festlegung des Eurobraillesystems ergibt sich zwingend, dass bei dieser Schrift auch im Bereich des 6-Punkt-Anteils einer 8-Punkt-Braillezelle extrem schwierig zu ertastende Punktkonstellationen zur Wiedergabe diverser Zeichen benutzt werden müssen, die in keinem 6-Punkt-System der Welt als taktile Repräsentanten selbstständiger Symbole vorkommen. Zu erwähnen sind die Redeanführungs- und -schlusszeichen (ausschließlich Punkt 4) sowie das Ausrufezeichen (Punkt 5).

4. Unter Punktschriftlesern unbeliebt, weil schwierig zu ertasten, sind nicht nur die Punktsymbole, bei denen ausschließlich die rechten Punkte einer 6-Punkt-Braillezelle eingesetzt werden (siehe oben unter Punkt 2), sondern auch die untersten Punkte einer 8-Punkt-Brailleform, also die Punkte 7 und 8. Letztere vergrößern die pro Zeichen abzutastende Fläche um gut 33 %. Dies führt nicht nur zu einer entsprechenden Vergrößerung des Volumens der Printmedien, sondern hat vor allem schwerwiegende Tastsensibilit ätsprobleme zur Folge. Die Ausdehnung von Schriftzeichen in vertikaler Richtung fordert vom tastend lesenden Menschen eine gleichmäßig verteilte Tastsensitivität in einem entsprechend größeren Bereich der Fingerkuppe des Zeigefingers. Dieser Anforderung werden wir Menschen physiologisch gar nicht gerecht. Dieses biologisch-physiologische "Unvermögen" mit pädagogischen Mitteln bekämpfen zu wollen, hieße, Don Quichotte im Kampf mit Lanzen gegen Windmühlen nachzueifern.

5. Im Eurobraille müssen aber viele Zeichen die Punkte 7 und/oder 8 aufweisen: Die Großbuchstaben, die deutschen Umlaute, das Eszett und diverse Sonderzeichen.

6. Aus dem Zwang zur Nutzung der untersten beiden Punkte einer 8-Punkt-Braillezelle ergibt sich außerdem, dass im Unterschied zum 6-Punkt-Braille beim Eurobraille vom lesenden Menschen die qualitativ neue Fähigkeit erwartet wird, zwischen großen und kleinen vertikalen Leerräumen zwischen zwei gesetzten Punkten unterscheiden zu können. Man denke beispielsweise an die Darstellung der Buchstaben "m" (kleiner vertikaler Abstand) und "C" (identische Anordnung von Punkten, diesmal mit großem Abstand) oder "k" (linksseitig zwei gesetzte Punkte mit kleinem Abstand) und "A" (linksseitig zwei gesetzte Punkte mit großem Abstand) beim Eurobraille. Mit dem gleichen Problem haben wir es zu tun, wenn es um die Differenzierbarkeit von "n" und "D" oder von "o" und "E" im 8-Punkt-System geht. 6-Punkt-Braillesysteme können auf das beschriebene zusätzliche Differenzierungsvermögen als Anforderungskriterium an potentielle Nutzer grundsätzlich verzichten.

7. Das Argument der schlechten Lesbarkeit des Eurobrailles lässt sich nicht - wie häufig geschehen - mit dem Hinweis auf die spezifische Lesesozialisation derjenigen widerlegen, die die schlechte Lesbarkeit (siehe Punkte 2-4 und 9) heute konstatieren; denn viele Kritiker der 8-Punkt-Brailleschrift arbeiten tagtäglich parallel mit 6- und 8-Punkt-Systemen - und das seit vielen Jahren, manche seit fast zwei Jahrzehnten.

Wer "den Schrifterwerb auf der Basis von Euro-Braille" propagiert, steht zwangsläufig in der Pflicht, den am pädagogischen Prozess beteiligten Personen und Einrichtungen mitzuteilen, welche der drei Eurobrailletabellen zu verwenden ist:

Hierüber findet sich im Protokoll kein Hinweis. Was tun?

8. Es liegt in der Natur des Eurobraillesystems, dass es nicht erweiterbar ist. Das verhindert das Prinzip der 1:1-Abbildung und der vorgegebene Umfang des Zeichensatzes von 256 Elementen. Gängige Zeichen sind im normierten Bereich der obigen Zeichensatztabellen überhaupt nicht vorgesehen. Zu nennen sind z. B. das Euro-Zeichen und das Zeichen für Promille.

Im Unterschied zum Eurobraille sind 6-Punkt-Braillesysteme keineswegs auf 256 Zeichen beschränkt, und sie lassen sich überdies jederzeit ausbauen. Dies ermöglicht das in allen 6-Punkt-Systemen der Welt vorzufindende Prinzip der Ankündigungstechnik. Die Ankündigungsmethode erlaubt die Darstellung von Zahlen, die Differenzierung zwischen Klein- und Großbuchstaben, die Darstellung akzentuierter Buchstaben, die Wiedergabe von Hervorhebungen, die Integration von mathematisch-naturwissenschaftlichen Termen, von fremdsprachigen Einschüben auf der Basis des landesspezifischen Blindenschriftsystems, von Eurobraillesequenzen usw., ohne dass für die "Kernsymbole" jeweils neue Punktmuster definiert werden müssen. In 6-Punkt-Systemen mit Ankündigungstechnik sind wesentlich mehr als 64 oder 256 Zeichen darstellbar. 6-Punkt-Schriftsysteme sind jederzeit in der Lage, sich geänderten Darstellungstechniken und -gewohnheiten der Schwarzschrift flexibel anzupassen. Warum sollten diese Chancen nicht genutzt werden?

9. Das Eurobraillesystem ist keineswegs aufwärtskompatibel zu den bisherigen 6-Punkt-Textsystemen Basisschrift, Vollschrift und Kurzschrift. Aus systematischer Sicht ergibt sich ein pädagogisch-didaktisch schwer zu vermittelnder (weil unnötiger) "Systembruch" beim Übergang von Eurobraille zu den gängigen Punktschriftsystemen auf 6-Punkt-Basis. Vermeidbare Systembrüche stellen jedoch bekanntlich immer wichtige kontraproduktive Faktoren im Hinblick auf die Entwicklung der Motivationsbereitschaft der Lernenden dar.

10. Es ist davon auszugehen, dass Menschen im Laufe ihrer Biografie im Durchschnitt mehr lesen als sie schreiben. Auf diesem Hintergrund ist bei der Auswahl von Schriftsystemen stets primär die Lesetauglichkeit zu prüfen. Keinem Mitglied des Brailleschriftkomitees der deutschsprachigen Länder ist auch nur ein einziger blinder Mensch direkt oder über andere bekannt, der behauptet, dass 8-Punkt-Braille ähnlich gut oder gar besser als 6-Punkt-Braille zu lesen ist. Wie können Nicht-Punktschrift-Anwender unterst ellen, dass sich alle Punktschrift lesenden Menschen in einer solch fundamentalen Frage ihrer Kommunikationskompetenz schon immer geirrt haben und auch heute weiterhin irren?

11. Die Behauptung einer "erhöhten Rechtschreibsicherheit" bei der Verwendung von 8-Punkt-Eurobraille im Vergleich zur Nutzung eines der 6-Punkt-Systeme ist gedanklich nicht nachvollziehbar und empirisch haltlos. Alle 6-Punkt-Textsysteme kennen eindeutige Regeln zur Ankündigung von Groß- und Kleinbuchstaben, die jeden Blinden in die Lage versetzen, anhand seiner Blindenschriftausgabe eines Textdokuments präzise feststellen zu können, welche Buchstaben in der Originalvorlage groß und welche klein geschrieben sind. Die diesbezüglichen Regeln lassen sich in drei schlichten Sätzen zusammenfassen.

12. Das Vorgehen, sich bei der Entscheidung für das 8-Punkt-Eurobraille als Schriftsystem im Erstlese- und Erstschreibunterricht auf bestimmte wissenschaftliche Begleituntersuchungen zu berufen, ist unseriös. Untersucht wurde die Lesetechnik von lediglich fünf blinden Kindern (mit extrem stark differierenden Leseleistungen) in Schleswig-Holstein und das Leseverhalten von gar nur vier blinden Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen. Der wissenschaftliche Leiter hat in öffentlichen Diskussionen bekanntlich selb st eingeräumt, seine Untersuchungen könnten nicht als empirisch abgesichert gelten.

Der Beschluss, im Mathematikunterricht künftig die Notation des aus den USA stammenden Satzsystems LATEX zu verwenden, ist voreilig gefasst worden. Warum?

Es müsste also vor der Einführung von LATEX als Notation für mathematische Terme eine für den Blinden- und Sehbehindertenbereich verbindliche Regelung der angesprochenen Fragestellungen erfolgen. An diese Festlegungen müssen sich dann auch sämtliche Lehrkräfte im segregierten und integrierten Schulunterricht halten.

13. Der Beschluss, im Mathematikunterricht künftig auf die 6-Punkt-Mathematikschrift komplett zu verzichten und ausschließlich LATEX-Schreibweisen zu verwenden, ist unbegründet und unrealistisch. Die "Internationale Mathematikschrift für Blinde" (Marburger Systematik) findet im Schriftenkanon des Protokolls überhaupt keine Erwähnung mehr, obwohl sie sich insbesondere bei der schulischen Ausbildung Blinder über Jahrzehnte bewährt hat und auch heute noch als Standard anzusehen ist. Welche Begründung soll ein en derart gravierenden Systemwechsel rechtfertigen, und wer führt die erforderlichen Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer und Umsetzungsdienste (Medienzentren, Punktschriftdruckereien, Privatpersonen) durch?

14. Der Umstieg von 6- auf 8-Punkt-Braille als Schriftsystem im Erstlese- und Erstschreibunterricht ist mit zusätzlichen Kosten verbunden. Das Angebot an 8-Punkt-Schreibmaschinen auf dem Weltmarkt ist nicht gerade üppig, und 8-Punkt-Schreibtafeln zum Anfertigen handschriftlicher Notizen sind überhaupt nicht erhältlich. Letztere müssten erst entwickelt werden. Wer kommt für den finanziellen Mehraufwand auf, der durch die notwendige Beschaffung von Schreibgeräten für 8-Punkt-Braille entsteht? Wie erklären Bl inden- und Sehbehindertenschulen, die - wie im Land Nordrhein-Westfalen - erst kürzlich mit 6-Punkt-Schreibgeräten neu ausgestattet worden sind, ihren Kostenträgern den plötzlichen "Sinneswandel"?

15. Im Zeitalter der Globalisierung sind isolierte nationale Sonderwege höchst problematisch. Wenn der AK-Beschluss vom 18. Mai 2001 tatsächlich realisiert würde, wäre Deutschland das einzige Land der Erde, in dem blinde Kinder im Anfangsunterricht nicht im 6-Punkt-System unterwiesen würden. Der Einwand, blinde Kinder kommunizierten in den Eingangsklassen nicht mit Kindern in anderen Ländern, weil sie deren Sprache (noch) nicht beherrschten, ist allein schon deshalb nicht stichhaltig, weil in den südlichen Nachbarstaaten Deutschlands sehr wohl deutsch gesprochen und geschrieben wird.

16. Der Beschluss vom 18. Mai 2001 stellt einen Alleingang der Leiterinnen und Leiter deutscher Bildungseinrichtungen für Blinde dar, der weder mit den Selbsthilfeorganisationen der Blinden und Sehbehinderten noch mit den anderen Organen und relevanten Gremien des Verbands der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen und schon gar nicht mit den zuständigen Braille-Gremien (Brailleschriftkomitee oder Brailleschriftkommission) in irgendeiner Form abgestimmt wurde. Er kann daher nur die Legitim ation dieses einen Gremiums für sich beanspruchen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Frage des Einsatzes von 6-Punkt- oder 8-Punkt-Braille keinesfalls beliebig ist. Mit ihrer Beantwortung werden im Gegenteil zentrale Weichen gestellt und wichtige Entscheidungen getroffen. Es wurde dargelegt, dass das Bestreben der Punktschriftanwender, am 6-Punkt-Braillesystem als Standardschrift der Blinden auch im deutschsprachigen Bereich festzuhalten, nicht nur von emotionaler Beliebtheit getragen wird, sondern sehr wohl rational begründet ist. Es wurde gezeigt, dass die Unbeliebtheit des 8-Punkt-Eurobrailles nicht sozialisationstheoretisch und auch nicht mit der Mutmaßung eines natürlichen Bestrebens der Menschen, an Bekanntem festzuhalten, zu erklären ist. Auch die Metapher eines "Religionskampfs" erweist sich als untauglicher Erklärungsansatz. Die kritische Haltung gegenüber 8-Punkt-Braillesystemen basiert vielmehr auf empirisch konstatierbaren und argumentativ erfassbaren Fakten.

Das Brailleschriftkomitee der deutschsprachigen Länder fordert den Arbeitskreis der Leiterinnen und Leiter der deutschen Blindenbildungseinrichtungen auf, bei nächster Gelegenheit den Beschluss vom 18. Mai 2001 zurückzunehmen und zur Diskussion mit den Beteiligten zurückzukehren. Das gesamte Brailleschriftkomitee erklärt sich bereit, in einem gemeinsamen Gespräch mit den Arbeitskreismitgliedern die in Frage stehenden Probleme auf der nächsten AK-Sitzung zu diskutieren.

Richard Heuer gen. Hallmann, Dortmund (Leiter des Arbeitsbereichs "Audiotaktile Medien" der Fernuniversität Hagen,
Vorsitzender des Brailleschriftkomitees und der Brailleschriftkommission der deutschsprachigen Länder)

Vivian Aldridge, Basel (Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen)

Rudi Leopold, Witten (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband, DBSV)

Ernst-Dietrich Lorenz, Hannover (Obmann des DIN-Ausschusses "Kommunikationshilfen für sensorisch Behinderte" und Eurobraille-Entwickler)

Dr. Rose-Marie Lüthi, St. Gallen (Schweizerische Blindenschriftkommission)

Prof. Erich Schmid, Wien (Österreichischer Blinden- und Sehbehindertenverband, Vorsitzender des Fachnormenausschusses "Computerbraille" im Österreichischen Normungsinstitut)

Thomas Schwyter, Zürich (Schweizerische Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte)


 

 
 

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