Blinden- und Sehbehindertenverein
für das
Saarland e.V. (BSV-Saar)

Sie befinden sich im Bereich: Startseite - BSV-Archiv - Archiv Aktuelles - Aktuelles vom 13. Oktober 2002

13.10.2002 - "AUS ANDERER SICHT" - Kunst für Blinde und Sehende

- Eine Ausstellung der Galerie im Bürgerhaus Neunkirchen
13. Oktober - 15. Dezember 2002 -

Auch in Zeiten fortgeschrittener Integration ist die Bildende Kunst noch immer ein ganz wesentlicher Bereich kultureller Erfahrung, der blinden und sehbehinderten Menschen weitgehend verschlossen bleibt. Wie kann ein Medium, das seine Ausdruckskraft vornehmlich aus dem Visuellen schöpft, die Sinne Blinder erreichen? Wie kann Kunst auf anderem Wege erfahrbar werden als über die bloße Betrachtung mit den Augen? Die von der Galerie im Bürgerhaus konzipierte Ausstellung "Aus anderer Sicht" versucht Antworten auf diese Fragen zu geben.

Bereits 1996 hatte die Neunkircher Galerie mit der vielbeachteten Ausstellung "Naturräume im Dunkeln erlebt" erstmals ein Projekt realisiert, das auf die Wahrnehmung von Nichtsehenden hin ausgerichtet war. Ihnen, die sonst kaum Museen oder Galerien besuchen, will die Ausstellung "Aus anderer Sicht" nun auch Aspekte zeitgenössischer Kunst näher bringen. Sie wendet sich dabei gezielt ebenso an Blinde wie auch an Sehende um zum Dialog über unterschiedliche Sicht- und Erlebnisweisen von Kunst anzuregen.

Vorgestellt werden Arbeiten von drei Künstler/innen, die sich seit mehreren Jahren unabhängig voneinander und auf ganz eigene Weise mit dem Thema Kunst und Blindheit auseinandersetzen. Die in Düren geborene und heute in Leichlingen lebende Malerin und Kommunikations-Designerin Elvira Kubiak hat ihre kunstpädagogische Erfahrung mit Blinden in ein außergewöhnliches Ausstellungsprojekt einfließen lassen, das unter dem Titel "Siehste!?" gerade mit großem Erfolg im Leopold-Hoesch-Museum Düren präsentiert wurde und als Wanderausstellung Station in mehreren deutschen Städten nehmen wird.
Ihre farblich und plastisch durchstrukturierten Bilder, die in einem aufwendigen Prozess aus vielen Arbeitsgängen entstehen, lassen sich durch ihren ausgeprägten Reliefcharakter auch über den Tastsinn erschließen. In der Installation in der Galerie im Bürgerhaus bleiben sie dem Blick des Sehenden entzogen. Eine 7-teilige Bildserie, die für Sehende und Blinde gleichermaßen nur zu ertasten ist, veranschaulicht Darstellungsprinzipien des Porträts in der modernen Malerei, indem sie ein Gesicht in unterschiedlichen Abstraktionsgraden erfühlbar macht - von der realistischen bis hin zur rein abstrakten Darstellung. Eine weitere Arbeit Elvira Kubiaks setzt sich mit verbreiteten Vorurteilen auseinander, die mit künstlerischen Mitteln hinterfragt werden.

Für seine Installation "Bildraum Blindgänge", die noch vor wenigen Wochen in einer Ausstellung des Wilhelm Lehmbruck Museums in Duisburg gezeigt wurde, erhielt Gerhard Mevissen, freischaffender Künstler aus Heinsberg bei Aachen, im Jahr 2001 den Förderpreis des Deutschen Blindenhilfswerkes. Die Arbeit basiert auf Gesprächen mit Blinden über ihre Erfahrungen, sich gehend in der Großstadt zu bewegen, und setzt sie in Beziehung zu seinen eigenen Beobachtungen auf der "Puerta del Sol", dem lärmenden, überfüllten Zentralplatz von Madrid mit den vielen blinden Losverkäufern.
Die Installation besteht aus Betonreliefs und davon abgedruckten Aquarellen vom Grundriss des Platzes wie ihn Mevissen selbst erfühlt hat. Sie zeigen dem Sehenden, wie räumliche Dimensionen, Wetter und Geräusche die Erlebbarkeit des Platzes verändern und vermitteln ihm somit etwas von der Erfahrungswelt blinder Menschen. Der blinde Betrachter hingegen findet beim Ertasten der Druckplatten und der geschriebenen Worte Aspekte seiner Lebenswirklichkeit wieder, die ergänzt werden durch die Worte, mit denen die Sehenden ihm die Bilder erzählen können. Ein zweites Motiv, die Berliner Mauer am Brandenburger Tor, greift das Thema Trennung und Verlust auf, das Mevissen auch in der Blindheit findet.

Der russische Künstler Yuri Albert, der zum Kreis der Moskauer Konzeptualisten gehört und heute in Köln lebt, kehrt die Rollen in der Kommunikationssituation zwischen Sehenden und Nichtsehenden um. Bei seiner Installation "Selbstporträt mit geschlossenen Augen" ist es der Blinde, der dem Sehenden die Kunst erklären muss.
Die Arbeit besteht aus ca. 80 Beschreibungen von Bildern und Zeichnungen van Goghs, die er selbst in den Briefen an seinen Bruder Theo verfasst hat. Sie sind wie an der Wand aufgehängte Bilder in Form von Tafeln mit Texten präsentiert, die in der Blindenschrift Braille geschrieben sind. Doch mit dieser Arbeit richtet sich Albert nicht ausschließlich an Blinde. Was er vielmehr bewusst machen will, ist das Zusammentreffen verschiedenen Formen von Unverständnis. So setzen sich Blinde mit den Kunstwerken als Text auseinander, während Sehende die Arbeit als plastische Wandinstallation wahrnehmen und in den Kontext zeitgenössischer Kunst einordnen, ohne die Textinhalte erfassen zu können. Allen gemeinsam ist, dass jedem Betrachter etwas zum vollständigen Verständnis fehlt, ein individuell unterschiedlicher "blinder Fleck".

Die Ausstellung greift das Thema Blindheit von drei ganz unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen auf und stellt Möglichkeiten vor, Kunst aus verschiedenen Perspektiven, "aus anderer Sicht" zu erleben. Im Mittelpunkt steht dabei der Dialog über die jeweils andere Wahrnehmungsweise, der zu einem tieferen wechselseitigen Verständnis beitragen soll. Für alle Besucher besteht daher die Möglichkeit, auf Wunsch von einem sehenden oder einem nichtsehenden Begleiter durch die Ausstellung geführt zu werden. Zusätzlich wird für blinde Besucher eine Audioführung mit Walkman angeboten.

Die Ausstellung "Aus anderer Sicht" wird am Sonntag, dem 13. Oktober 2002, um 11.00 Uhr in der Galerie im Bürgerhaus Neunkirchen, Marienstraße 2, eröffnet. Zur Eröffnung sind alle sehenden und blinden Kunstinteressierten herzlich eingeladen. Es sprechen Heribert Tigges, Direktor des Deutschen Blindenhilfswerkes e.V. Duisburg, und Nicole Nix, Leiterin der Galerie im Bürgerhaus. Die Künstler sind anwesend.

Die Ausstellung ist bis zum 15. Dezember geöffnet zu folgenden Zeiten: dienstags bis freitags 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr, samstags, sonntags und am 1. November von 14 bis 17 Uhr.
(Eintritt frei)

Gruppen und Schulklassen werden dringend um Voranmeldung gebeten. Vereinbarung von Führungen (auch zu Sonderzeiten möglich) und weitere Infos unter Tel. (06821) 290 06 21.

Weitere aktuelle Meldungen

Sie befinden sich im Bereich: Startseite - BSV-Archiv - Archiv Aktuelles - Aktuelles vom 13. Oktober 2002

Blinden- und Sehbehindertenverein für das Saarland e.V.

Küstriner Str. 6 · 66121 Saarbrücken
Tel: (06 81) 81 81 81 · Infotel: (0 68 38) 31 10 · e-mail: info@bsvsaar.org